Die Illusionen der Anderen
Der Verlust an Gestaltungskraft, der sich in der Gesinnungskultur äußert, führt zu einem rapiden Verfall von Öffentlichkeit, führt zu trübsinnigen, narzisstischen Leidenschaften. Darum muss es Einbildungen geben, die nicht die Form der Überzeugung haben. Das eben sind die Einbildungen ohne Subjekt. Mit anderen Worten: Eine Kultur ohne Gewissen ist denkbar. Es wäre eine Kultur, die auf eine Moral der Absichten zugunsten einer Ethik der Wirkungen verzichtete.
Die Gesinnungskultur zerstört die Glückstechniken, die eine Kultur ihren Mitgliedern zur Verfügung stellt. Glückstechniken sind Entlastungstechniken, somit Techniken, die Bezüge zu etwas anderem herstellen und nach dorthin Lasten verschieben. Die Frage nach der Form, in der Einbildungen vorliegen, verlangt für die Magie, dass das Symbol die volle Leistung des Symbolisierten übernimmt. Um das so darzustellen, dass daran ohne Glauben geglaubt werden kann, muss die Illusion figurativ gestaltet sein. Sie ist gewissermaßen Form ohne Inhalt. Wie die Höflichkeit. Diese hat nichts mit Glaubwürdigkeit oder Unglaubwürdigkeit zu tun. Wenn wir höflich sind, machen wir den anderen glücklich. Wären wir wirklich zivilisiert, würden wir begreifen, dass wir die Pflicht haben, glücklich zu sein.
Robert Paller: Die Illusionen der Anderen. Über das Lustprinzip in der Kultur. Suhrkamp, 2002